Ludwig Roman Fleischer
brosch, 148 x 210.
2009
176 Seiten
ISBN: 978-3-901960-41-3
Preis: 14,- €
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Gabriel Ender - ehemaliger Rundfunksprecher - nimmt an einem Therapieseminar für Eltern mit behinderten Kindern teil. Die Veranstaltung findet auf einem süditalienischen Campingplatz statt, dessen Padrone Felice Belli einen Dachboden-Radiosender betreibt. Ender - bei den Selbsterfahrungssitzungen bloß autistischer Außenseiter - lässt die "Geschichte der letzten Zeit" Revue passieren: Seine Frau hat nach mehreren Fehlgeburten von einem prominenten Spezialisten eine „Zellimplantation“ vornehmen lassen und ist von Enders Klon entbunden worden. Bald nach der Geburt des behinderten Kindes ist sie durch einen Autounfall ums Leben gekommen, wobei der Verdacht auf Selbstmord besteht. Felice Belli - als Neapolitaner in dieser lucanischen Provinz ein ungeliebter Eindringling - hat einst "den Dschungel von Briezza" zu einem "Europacamp" gemacht, um Kultur, Zivilisation und Wohlstand hierher zu bringen. Selbst Vater eines behinderten Sohnes, hat er nicht nur die deutsche Selbsterfahrungsgruppe eingeladen, sondern beherbergt auch Flüchtlinge. Es kommt zu Anfeindungen und Drohungen seitens der Dorfjugend, die Autos der Deutschen werden beschädigt, ein krankes Flüchtlingskind stirbt, nachdem die ärztliche Hilfe hintertrieben worden ist. Felice lädt Ender ein, mit ihm im Dachbodensender "den Tag zuende zu senden", was der betrunkene Ender nur allzu wörtlich nimmt. Während der Sendung, die parallel mit einem Marienfeuerwerk abläuft, werfen die Dorfjugendlichen Molotow-Cocktails. Die Flüchtlingszelte bleiben unbeschädigt, Enders Zelt - in dem er ursprünglich sein Kind zurücklassen wollte - geht hingegen in Flammen auf. Der Text variiert den Mythos vom Erzengel Gabriel, der am Jüngsten Tag durch einen Trompetenstoß den Weltuntergang verkünden soll. Das Camp ist eine Miniaturwelt, eine "zweite Schöpfung" im Sinne Thomas von Aquins. Der Campingsender steht für Humanität, der "Dschungel, der das Camp umgreift", für Barbarei. Die beiden Welten - jene "drinnen" und jene "draußen" - verbinden sich letztlich in Enders Bewusstsein (dem eigentlichen "Sender"). Die vorgebliche "Rettung" des Kindes - das der betrunkene Ender während des Feuers im Zelt geglaubt hat - bewegt ihn, die Rolle als Vater seines „Ebenbildes“ endlich zu akzeptieren.
Ludwig Roman Fleischer
Geboren am 17. September 1952 in Wien, Matura 1971, danach Telephonist, Laborant, Chauffeur, Nachtwächter, Kinderbetreuer, Bankangestellter, Plakatkleber, Student der Anglistik und der Philosophie. 1979 bis 1982 Universitätsassistent für amerikanische Literatur in Wien, seit 1977 Lehrer. Nebenbei 1983 bis 1985 Amateurschauspieler bei der Gruppe Shake-Scene, Folkmusiker (1984 LP BAKADI, diverse Auftritte in Clubs und Cafes). Verheiratet, seit 1992 Vater eines Sohnes. Leitet seit 1996 eine Schreibwerkstatt an der Drogentherapiestation Mödling, Herausgabe zweier Anthologien der dabei entstandenen Patiententexte.
Ab 1986 Veröffentlichungen in Zeitschriften, Anthologien und im ORF, 1990 Ernst Willner-Preis beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb, 1991 Buchprämie des Bmin für Unterricht und Kunst, 1992 Übersetzerprämie des Bmin f. Unterricht und Kunst, 1997 Erzählerpreis des Ostdeutschen Kulturrates Köln, 2000 Dritter Platz beim Haidhausener Werkstattpreis München.
